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Wanderung der Ortsgruppe Schmidtheim auf den Spuren des Venn-Apostels

Von Angelika Marks

Schon von Weitem fallen die markanten Doppeltürme von St. Lambertus

in Kalterherberg ins Auge. Der neogotische Bau aus dem späten 19. Jahrhundert

beeindruckt durch seine für eine Dorfkirche unverhältnismäßige Größe, was ihm im Volksmund den Spitznamen „Eifel Dom“ eingebracht hat.

An seinem Fuße versammelt sich die Wandertruppe der Ortsgruppe Schmidtheim des Eifelvereins an diesem schönen Herbstsonntag, um den Ausführungen ihres Wanderführers Hermann Theis zu folgen, der hier wie an den weiteren Stationen unserer Wanderung auf den Spuren des Apostels des Monschauer Landes „Prior Stephan Horrichem“ manches zu erzählen weiß. Auch wenn Vorgängerbauten bereits seit dem 16. Jahrhundert nachgewiesen werden können, so verdankt die nach neuerer Renovierung wieder prachtvolle Basilika, ihre Entstehung der Spendenaktion des Pfarrers Peter Wilhelm Hermkes um 1866. Unter seinem tatkräftigen Nachfolger Gerhard Arnoldy konnte der Kirchenbau 1901 eingeweiht werden. Auch diesem Namen werden wir auf unserer Wanderung erneut begegnen.

Bei bestem Wanderwetter folgen wir nun der Monschauerstraße bis zur Hausnummer 13 gegenüber dem Luisenhof, wo wir auf einen Pfad links abbiegen. Bei sonnigem und klarem Wetter bieten die Feldwege weite Aussichten über Wiesen und herbstlich bunte Wälder. Über die Straßen Fedderbach und Rosengasse, kreuzen wir kurz vor dem „alten Badetümpel“ den Vennbahnradweg. Die stillgelegte Eisenbahntrasse, die heute die Radfahrer bei geringer Steigung von Aachen bis in die Ardennen nach Luxemburg führt, diente einst zum Transport von Eisenerz und Kohle. Nach den Weltkriegen befindet sich die Trasse heute im Besitz des belgischen Staates und schneidet einige deutsche Weiler und Ortsteile vom deutschen Staatsgebiet ab.

Auf eine solche Exklave können wir nun vom Eifelblick am Röster einen Blick werfen. Der Weiler Ruitzhof, idyllisch auf einem langgestreckten Sporn gelegen, nimmt solch eine Sonderstellung ein. Heute spielt Dank der europäischen Einigung die Grenzziehung keine Rolle mehr. Kaum bemerken wir auf unserem Weg, wo wir den Boden Deutschlands verlassen, um auf belgischem Territorium zu wandern. Welche Erleichterung dies für die Bewohner bei ihrer täglichen Arbeit bedeutet, die vorher alle naselang Passierscheine vorweisen mussten, kann sich kaum noch jemand vorstellen.

Unser nächstes Ziel befindet sich abgeschieden im tiefen Wald des Hohen Venn. Unmittelbar steigen hier die Klippen der „Richelsley“, eines eigenartigen Konglomerat-Felsens vor uns empor. Gekrönt wird sie durch ein fast 10 m hohes Eisenkreuz, das mit seinem hellen Schutzanstrich weithin sichtbar ist. Auch dieses imposante Wegekreuz geht auf das Konto des Pfarrers Arnoldy, der hier dem Monschauer Apostel ein Denkmal gesetzt hat. Bekannt geworden ist dieses Kreuz im Venn durch den gleichnamigen Roman der Eifeldichterin Clara Viebig. Über eine in Stein gehauene Treppe und eine Betonrampe gelangt man hoch auf den Felsen an den Fuß des Kreuzes und kann den Blick über die ausgedehnten Wälder schweifen lassen. Am Fuße der Richelsley, deren Gestein auch dem Eifeldom als Baumaterial gedient hat, befindet sich eine Mariengrotte, deren Ähnlichkeit mit Lourdes nicht zufällig erscheint. Ein Geschenk der Gemeinde Kalterherberg zum Silber-Jubiläum ihres rührigen Pfarrers, zeugen die zahlreichen Kerzen von der bis heute anhaltende Verehrung. Für uns heute ist hier ein idealer Ort, um eine kurze Rast einzulegen, bevor wir uns auf den Weg zum Kloster Reichenstein machen.

Der Name „Reichelsley“, verweist bereits auf unser nächstes Ziel. Ebenso wie der Fels wurde auch das Kloster nach „Richwin“, dem Erbauer der ursprünglichen Burg Reichenstein benannt. Bergab durch schöne Laubwälder queren wir erneut die Vennbahn, um ein paar wenige Meter der Straße zum Kloster zu folgen. Vorbei führt der Weg an dem romantischen Klosterweiher, bis wir vor verschlossenen Türen stehen. Die großen Stapel Holz und Baugerüste zeugen von den fortlaufenden Restaurierungsarbeiten. Verbotsschilder mit der Aufschrift „Klausur“, betonen den abgeschlossenen Charakter, denn heute befindet sich das Kloster im Privatbesitz der französischen Benediktiner des Priorats Notre-Dame de Bellaigue, die der in der katholischen Amtskirche höchst umstrittenen Piusbruderschaft nahesteht.

Die wechselvolle Geschichte des im 12. Jh. auf der ehemaligen Burg gegründeten Doppelklosters des Prämonstratenser Ordens, seine Beziehung zum Mutterkloster Steinfeld, die Säkularisierung während der napoleonischen Zeit und wie es nun in die Hände der Piusbruderschaft gelangen konnte, erklärt unser Wanderführer höchst anschaulich und mit viel Hintergrundwissen.

Vor allem aber ist es nun an der Zeit uns näher mit dem ehemaligen Prior des Klosters Stephan Horrichem zu befassen, der in der schlimmen Zeit des 30ig-jährigen Krieges, nicht Augen und Ohren vor dem Leid der einfachen Bauern verschloss. Statt sich hinter den Klostermauern abzuschotten, wagte er sich auf die umliegenden Höfe, um den einfachen Bauern Seelsorge, Trost, aber auch praktische Hilfe anzubieten. Mit dieser außergewöhnlichen Haltung erlangte er eine Verehrung, die in der Eifel bis zum heutigen Tag anhält.

Nach Überquerung der Rur gelangen wir auf dem Reichensteinweg an eine aus Cortenstahl angefertigte Figur, die nach Betätigung einer Kurbel wahlweise auf Deutsch, Englisch oder Niederländisch eine Geschichte wiedergibt. Als Initiative des Ruruferradweges beleben verschiedene Figuren das Wissen um die Geschichte in diesem deutsch-belgischen Grenzgebiet. So lauschen wir nach eifrigem Gekurbel der fiktiven Stimme des Priors von Reichenstein und nur ein paar Kilometer weiter den Erfahrungen der hiesigen Bevölkerung mit den Grenzposten aus den Zeiten, als die deutsch-belgische Grenze ihr Leben täglich beeinflusste.

Doch zunächst erklimmen wir die Stufen zu der Norbertuskapelle, die etwas erhöht über der Rur, an einer kleinen Quelle gelegen, die Gläubigen zur Andacht einlädt. Erst 1926 gebaut erinnert sie an den Heiligen Norbertus von Xanten, dem Gründer des Prämonstratenser Ordens. Dargestellt im Inneren ist er zusammen mit Hermann Joseph dem Heiligen von Steinfeld, um so die enge Verbindung der beiden Klöster zu betonen. Auch hier laden Bänke zur Rast ein, aber wir folgen nun der stetig ansteigenden Rosengasse entlang der über Felsen strömenden Rur, bis wir über die Straße Fedderbach wieder Kalterherberg erreichen.

Leider gibt es in Kalterherberg zurzeit kaum Einkehrmöglichkeiten. Wir verlegen unsere verdiente Schlussrunde in das originell und rustikal eingerichtete Bauern Café in Morsbach, wo wir den Tag bei Kaffee und selbstgebackenen Kuchen ausklingen lassen.

Fotos: A. &M. Marks

Bild 1. St. Lambertus in Kalterherberg

Bild 2. Blick auf Ruitzhof

Bild 3. Am Fuße der Richelsley

Bild 4. Kreuz im Venn

Bild 5. Lourdesgrotte

Bild 6. Grenzstein Belgien

Bild 7. Kloster Reichenstein

Bild 8. Rurbrücke

Bild 9. Prior Stephan Horrichem

Bild 10. Norbertus-Kapelle

Bild 11. Grenzposten